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Hintergründe
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Eine ignorierte Geschichte
Die Vertreibung der Juden aus den arabischen Staaten

Oft wird in der Propaganda Israel als "Fremdkörper" im arabischen Kulturbereich bezeichnet. Ignoriert wird dabei die Tatsache, dass fast die Hälfte der Israelis aus dem arabischen Raum stammt. Im Maghreb wohnte bis 1948/64 eine grosse Gruppe: Marokko (um 1927 auf 150 000 Juden geschätzt), Algerien (1927: 74 000 Juden), Tunesien (um 1914 70 000 Juden). Weitere kleinere Gruppen wohnten in Libyen, in Ägypten (um 1917: 60 000 Juden), im Libanon, Syrien, Jemen. Eine bedeutende Gemeinde lebte im Irak (um 1920: mind. 90 000 Juden).

Die Ansiedlung dieser Gruppen ist sehr alt. Im Irak geht sie auf die Zeit vor der Ausbreitung des Islam zurück (vor das 7. Jh.), da ein Teil der irakischen Juden das ältere vor-arabische Aramäisch sprach. Im Jemen entwickelten sie eine besondere religiöse Kultur. Hier gab es im 19. Jahrhundert Pseudomessiasse, und die wirtschaftlichen Bedingungen im Inneren waren so schlecht, dass eine Auswanderung ins "Land Israel" in den 1880er Jahren begann. In Algerien waren die Juden in den Hafenstädten um 1939 sehr französisiert. Algerien war ja 1830 Teil Frankreichs geworden und 1870 hatte Adolphe Crémieux veranlasst, dass sie das französische Bürgerrecht erhielten. Sie konnten also frei ins "Mutterland" zuwandern. Ägypten war immer schon etwas kosmopolitisch ausgerichtet. Hier sprachen die Juden italienisch, englisch und französisch. In Tunesien waren es jüdische Grosskaufleute aus Livorno, die "Grana", die Verbindungen zu Europa errichtet hatten. In Libyen spielte sich das jüdische Leben weitgehend in traditionellen Bahnen ab. Oft wohnten Juden in Mellas (Marokko) oder der "Harat al-Jahud", den traditionellen jüdischen Wohnvierteln. Ihre rechtliche Lage war durch die regionalen Herrscher unterschiedlich geprägt. Europäische Reisende des 18. und frühen 19. Jahrhunderts berichten über Unterdrückungen in Marokko. Anderswo war die Lege friedlicher.

Das riesige osmanische Reich herrschte formell von Tunesien im Westen bis zum Irak im Osten und bis an die grenzen Jemens im Süden. Dies brach allmählich unter dem Druck der europäischen Kolonialmächte zusammen. Im Maghreb begann sich 1881 Spanien und vermehrt Frankreich durchzusetzen, in Ägypten erobert England 1882 die Suez-Kanalzone, Italien drang 1912 in Libyen vor. Zur selben Zeit verwaltete ein französischer General Marokko. Zwischen 1919 und 1939 erstarkten die arabischen Nationalbewegungen immer mehr. Die Juden im arabischen Bereich kamen zwischen Hammer und Amboss, d.h. zwischen Kolonialregime und Streben nach arabischer Unabhängigkeit.

Von den 1860er Jahren an baute die französisch-jüdische Alliance Israelite Universelle ein modernes Erziehungswesen in Nordafrika und im Nahen Osten auf. Sie förderte sehr die französische Sprache und Kultur unter den Juden.

Die orientalischen Juden wurden von den Führern der arabischen Nationalbewegungen in Pauschalhaftung für den Kampf gegen den Zionismus genommen. 1941 kam es zu Pogromen in Bagdad ("Farhud"), 1945/48 wurden die Juden aus dem Irak und Jemen vertrieben, viele setzten sich aus Ägypten, dem Libanon und Syrien ab. Nach 1955 wuchs der Druck, Marokko zu verlassen, und 1968 geschah das Gleiche in Lybien. Mit Ausnahme der algerischen Juden wandte sich der grössere Teil nach Israel und musste dort meist als Mittellose aufgenommen werden, zu einer Zeit als Überlebende der Schoah dorthin strömten.

Die Juden arabischer Kultur hatten es anfangs nicht leicht, sich im von osteuropäischen Juden dominierten jungen Israel durchzusetzen, doch in den letzten dreissig Jahren ist dies weit gehend geschehen. Verhalten gibt es sogar eine gewisse Nostalgie zu Elementen des Brauchtums und der arabisch-orientalischen Musikkultur. Zentrales Fest der marokkanischen Landsmannschaft ("Edah") ist das Mimuna-Fest zu Ende von Pessach, und im israelischen Staatsradio hat sich endlich auch die orientalische Popmusik durchsetzen können, die vorher nur auf dem privaten Musikkassetten-Markt erhältlich war. Ägyptisch-jüdische und vereinzelt marokkanische Familien besuchten vor Ausbruch der Intifada ihre Ursprungsländer. Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, in der diese Gruppe eine Mittlerstellung zwischen Israelis europäischer Herkunft und den arabischen Nachbarn einnehmen wird.

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