An der Schwelle im Süden
Leitartikel der Ha'aretz-Redaktion
Als Verteidigungsminister Ehud Barak gestern seinen Freund und unmittelbaren Vorgänger als Generalstabschef, Dan Shomron, würdigte, nannte er ihn "einen der mutigsten und zur gleichen Zeit besonnensten Architekten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte". Eine solche Kombination von mutigem Handeln und kühler Erwägung braucht Israel angesichts der Eskalation der Angriffe auf seine Städte von Sderot bis Ashkelon auch heute.
Die Dutzenden von Raketen, die gestern aus dem Gaza-Streifen abgeschossen wurden - und von denen eine Roni Yihya, einen 47jährigen vierfachen Vater tötete – haben die israelische Armee an die Schwelle einer gross angelegten Offensive in palästinensisches Gebiet geführt. Das Überschreiten dieser Schwelle könnte bald als unvermeidlich erkannt werden, wenn es auch immer noch vermieden werden kann.
Die Verantwortung für die Eskalation liegt voll und ganz auf der palästinensischen Seite, d.h. der Hamas-Regierung. Wir brauchen uns nur vorzustellen, was passieren würde, wenn die Palästinenser Raketen südwärts auf ägyptisches Territorium schiessen würden. Man kann sicher sein, dass Ägypten seine Souveränität und den Frieden seiner Bürger mit einer harten Reaktion auf die Quellen des Beschusses antworten würde.
Israel hat das Recht seine Souveränität zu schützen, die tagtäglich durch Schussangriffe aus der Luft und mitunter durch Untergrundaktivitäten verletzt wird. Seine Bürger haben Anspruch auf Verteidigung vor den Qassam-Raketen.
Es gibt gegenwärtig kein Abwehrsystem gegen die Qassam-Raketen und auch keinen ausreichenden Schutz vor ihnen. Selbst wenn die Entwicklung der Sicherheitsvorkehrungen vollendet und der Schutz erweitert sein wird, werden Zehntausende von Israelis den Qassam-, Katyusha- und Grad-Raketen ausgesetzt bleiben. Die Tötungsoperationen der israelischen Armee gegen bewaffnete Banden, vorwiegend aus der Luft, sind berechtigt. Sie können nicht als Vorwand für die Raketenangriffe dienen.
Was die Bodenoffensive der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) aufhält, ist nicht mehr die Sorge, dass die Rückkehr in ein Gebiet, aus dem sich Israel im Sommer 2005 zurückgezogen hat, das Eingeständnis eines Scheiterns wäre. Die Regierung ist den Erfordernissen der Gegenwart und den Erwägungen für die Zukunft verpflichtet. Selbst wenn unser Blut kocht, muss die Rechnung kühl sein, im Sinne einer Kosten-Nutzen-Abwägung: Wird ZAHAL beim Betreten des Gebiets und bis klar ist, wie es wieder verlassen werden kann, einen inakzeptablen Preis an Opfern zahlen, und inwieweit und wie lange wird dies die Bedrohung durch tagtäglichen Raketenbeschuss von den Bürgern nehmen?
Nach dem schweren Anschlag im [Tel Aviver] Dolphinarium im Juni 2001 sagte Ariel Sharon "Zurückhaltung bedeutet Stärke". Neun Monate später dachte Sharon nicht mehr so, nachdem Hunderte dem Terror zum Opfer gefallen waren, nicht zuletzt beim Massenmord im Park-Hotel in Netanya. Im Süden hat es zwar weniger Opfer gegen, Israel hat sich aber für viel längere Zeit zurückgehalten, bis zu einem Punkt, wo dies nicht mehr als Stärke angesehen werden kann.
Obwohl sich die Situation verschlimmert hat, ist ein massiver Einmarsch nach Gaza nicht unvermeidlich, wenn auswärtige Kräfte dazu gebracht werden könnten, der Hamas Zügel anzulegen - vor allem die Präsidenten George Bush und Hosni Mubarak, deren Gesandte grosse diplomatische Anstrengungen unternehmen, welche bisher die Flammen nicht haben löschen können. Die amerikanische Aussenministerin und der ägyptische Geheimdienstminister, die beide in den kommenden Tagen in Israel erwartet werden, können und müssen der Hamas klar machen, dass die Welt es verstehen wird, wenn Israel bei einem Scheitern der Bemühungen den Zaun nach Gaza durchbricht.
Die Entscheidung, ob, wie und wann zu einer Offensive auszuholen ist, bleibt in Israels Hand, und man kann hoffen, dass diese Entscheidung gleichermassen mutig wie auch besonnen ausfallen wird.
(Ha'aretz, 28.02.08)
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