Merkwürdiges |
Die Gesellschaft geht schwanger, eine Abtreibung wäre ein Fehler Von Inbal Zidar Für eine Schwangerschaft gibt es nie den richtigen Zeitpunkt. Immer gibt es ein wichtiges Projekt bei der Arbeit, Druck im Studium, Geldprobleme. Und trotzdem ist den Menschen klar, dass man, wenn man Kinder haben will, die "Trotz-allem"-Strategie anwenden muss. Auch wenn es nicht bequem ist. Gleiches gilt auch für die gesellschaftliche Revolution, die sich hier im letzten Monat ereignet - die sozialen Proteste und die Sicherheitslage im Süden schliessen einander nicht aus. Wenn überhaupt, dann passt beides gut zusammen. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen sozialer Gerechtigkeit und nationaler Sicherheit. Ein Staat, in dem die gesellschaftlichen Unterschiede immer grösser werden, führt zu einer Gesellschaft, die es nicht schafft, ihre die Sicherheit betreffenden Herausforderungen zu bewältigen. Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass Menschen wissen, dass wenn sie in die Schlacht ziehen, sie auch einen Grund haben, zurückzukehren. Denn Krieg wird nicht um Boden geführt sondern um das Leben, das wir auf diesem Landstrich begründet haben. Wenn wir für uns selbst ein angemessenes Leben schaffen können (wir verlangen keine "perfekte Gesellschaft", nur ein angemessenes Leben), dann werden die Menschen sich, wenn notwendig, entscheiden, für unser Land zu sterben. Aber wenn sich hier die moralische Fäulnis ausbreitet, dann wird es bald keine Rechtfertigung mehr dafür geben, das zu bewahren, was wir hier geschaffen haben. Der Kampf für soziale Gerechtigkeit muss mit voller Kraft für die Einwohner Eilats, Ashkelons, Ashdods und Beer Shevas fortgesetzt werden. Wir müssen dafür sorgen, dass sie, wie alle Einwohner des Staates Israel, die beste Ausbildung bekommen, die beste Gesundheitsversorgung, das beste öffentliche Verkehrssystem, die besten Sozialleistungen, die attraktivsten Arbeitsplätze und überhaupt - Lebensqualität. Wir müssen für alle Einwohner des Staates Israel eine Lebensqualität auf hohem und gleichem Niveau sicherstellen, damit die Menschen wohnen können, wo sie wohnen wollen. Und wenn dann ihre Wohnorte angegriffen werden, wissen sie, dass dies angesichts der hohen Lebensqualität zu ertragen ist. Die Gefahr, der Israel ausgesetzt ist, kommt nicht allein von äusseren Bedrohungen, sondern von dem Gefühl der Menschen, dass sie hier nicht leben können. Die gesellschaftlichen Gräben drohen, sie in die Knie zu zwingen. Es ist wichtig, dass wir in Ruhe leben können, aber es ist auch wichtig, dass wir einen Grund dafür haben zu leben. Wenn Menschen darüber verzweifelt sind, dass die Gräben grösser und die Errungenschaften in der Ausbildung weniger werden, wenn das Leben in der Peripherie deprimierend ist und die Gesundheitsversorgungen und die sozialen Dienste privatisiert, werden sie zweimal nachdenken, bevor sie bereit sind, die Landesgrenzen zu verteidigen, egal ob zu Hause oder wirklich auf dem Schlachtfeld. Das erinnert mich an die Geschichte von dem armen Chinesen, der als Lohn für seine Arbeit zwei Münzen erhält. Mit der ersten kauft er Brot und mit der zweiten eine Blume. Man fragt ihn, warum er nicht auch mit der zweiten Münze Brot gekauft habe, und er sagt: "Die erste ist, damit ich irgendwie leben kann, die zweite, damit ich einen Grund habe zu leben." Ich nehme nicht für eine Sekunde die Sicherheitslage nicht ernst, aber wenn wir so weitermachen wie bisher und jede Diskussion über die Gesellschaft, die wir hier begründen wollen, für eine Diskussion über die Sicherheit abwürgen, dann haben wir vielleicht irgendwann einen geschützten Staat, aber der wird dann Bürger beschützen, die einander umbringen. Wir haben jetzt eine einzigartige Gelegenheit, auf das Wesen des Staates Israel Einfluss zu nehmen. Bis jetzt hat der Sicherheitsdiskurs den gesellschaftlichen Diskurs verdrängt, obwohl die Zahl der Menschen, die als Ergebnis der Überfüllung von Krankenhäusern, Wohlfahrtsstellen, der Privatisierung gesellschaftlicher Dienstleistungen, durch Umweltvergiftung und wegen der Abwesenheit guter Infrastruktur auf den Strassen ihr Leben verloren haben, bedeutend grösser ist als die Zahl der Toten und Verletzten bei Terroranschlägen. Gehen wir davon aus, dass wir eine Gesellschaft sind, die das Leben liebt, dürfen wir den gesellschaftlichen Kampf nicht vernachlässigen, sondern wir müssen ihn fortführen, bis wir es schaffen, die Prioritäten im Staat neu zu definieren und den Staat, auf den wir die ganzen Jahre gehofft haben, aufzubauen. Stellen Sie sich vor, der Staat würde genauso gegen gesellschaftliche Bedrohungen vorgehen wie er gegen Bedrohungen der Sicherheit vorgeht: Eine Diskussion über überfüllte Abteilungen in Krankenhäusern und Unterversorgung führt zum Bau neuer Krankenhäuser. Ein Arbeitgeber, der nur Leiharbeiter einstellt, wird geächtet, bis er zu direkten Beschäftigungsverhältnissen übergeht. Strassen, die Schäden aufweisen, werden geschlossen. Leider bin ich pessimistisch und glaube, dass Israel nicht zum letzten Mal vor einer Herausforderung seiner Sicherheit steht. Und gerade deshalb glaube ich, dass ein Schwangerschaftsabbruch jetzt ein Fehler wäre. Die Autorin ist Sozialarbeiterin und engagiert sich bei den gegenwärtigen Sozialprotesten in Tel Aviv (Yedioth Ahronoth, 22.08.11) |