Merkwürdiges |
Gleichgültigkeit und Empörung Von Ophir Falk In seiner Millenniumsrede im Weissen Haus vor zehn Jahren erzählte Nobelpreisträger Elie Wiesel einer erlesenen Zuhörerschaft, dass die Schrecken des 20. Jahrhunderts möglich wurden, da sich die Welt gegenüber dem Leiden der Unterdrückten in Kambodscha und Nigeria, Indien und Pakistan, Eritrea und Äthiopien sowie, freilich auf einer anderen Ebene, in Auschwitz und Treblinka gleichgültig verhielt. Mord wurde durch Gleichgültigkeit erleichtert. Gleichgültigkeit, erklärte er, kann "einladend und sogar verführerisch" sein, muss aber aus der menschlichen Natur entwurzelt werden. Wiesel konnte nicht verstehen, warum Präsident Roosevelt, der ein "guter Mann mit einem guten Herz" gewesen sei, es unterliess, die "Bahnlinien nach Birkenau, nur die Bahnlinien, nur einmal" zu bombardieren. Der Preis der Gleichgültigkeit war schwindelerregend. Heute verhält sich die Welt gleichgültig gegenüber den Grausamkeiten in Darfur, der Tyrannei und der Folterung von Dissidenten in Teheran, dem Hunger und Aids in Afrika und der Missachtung der Menschenrechte von Frauen in den meisten Teilen der islamischen Welt. Nicht mehr gleichgültig steht die Welt jedoch den Juden gegenüber - sie ist empört über sie! Sie ist empört, dass die Juden es wagen, sich selbst zu verteidigen. Sie war empört, als Begin 1981 Saddams Reaktor bombardierte. Nun ist sie empört, dass Israel, dieser lästige Rabauke im Nahen Osten (oder "diese verdriesslichen Juden", wie Krauthammer in der Washington Post schreibt), es gewagt hat, neun radikale Islamisten an Bord eines Schiffes von Bösewichten auf dem Weg nach Gaza tötete. Sie sind wieder empört, genauso wie als Israel in Notwehr handelte, nachdem zwischen 2005 und 2008 mehr als 8000 Raketen aus Gaza auf seine Bürger abgefeuert worden waren. Die Empörung hat den in Genf ansässigen UN-Menschenrechtsrat, zusammengesetzt aus Leuchten der Menschenrechte wie Pakistan, Kuba und Saudi-Arabien, dazu verleitet, abermals eine "unabhängige internationale Untersuchungskommission" zu fordern. Die Presse ist wieder mal aus der Rolle gefallen. Unter himmelschreiender Geringschätzung der Fakten berichtete der Economist, Israel greife "zu bereitwillig zur Gewalt" und brachte ein Bild von Binyamin Netanyahu hinter einem Stacheldraht auf seinem Cover. Ein Leitartikel der New York Times behauptete in derselben Woche: "Die Türkei ist verständlicherweise zornig über Israels desaströsen Angriff auf das türkische Hilfsschiff." Und die Nachrichtenagentur Reuters, die Heimat unehrlicher Journalisten, wurde dabei erwischt, wie sie ein Foto bearbeitete, das einen messerschwingenden "Friedensaktivisten" belastete, und es durch das Bild eines Passagiers zu ersetzte, der einem verwundeten israelischen Soldaten Hilfe leistete. Doppelte Standards werden auch von Israels engsten Verbündeten angelegt. US-Präsident Obama besteht darauf, dass Israel eine Untersuchung seiner Aktionen gestatten solle, hat jedoch jede Form von Kritik oder Untersuchung seiner gezielten Tötungen zurückgewiesen - der Drohnenkriegspolitik, die seit seiner Amtsübernahme zum direkten Tod Hunderter von Zivilisten in Pakistan und Afghanistan geführt hat. Sei es Gleichgültigkeit oder Empörung - eines ist klar. Wenn es um die vitalen Sicherheitsinteressen geht, kann Israel nur auf sich selbst zählen. Ein einschlägiger Fall ist ein atomarer Iran. In diesem Kontext könnte Präsident Obama letztlich als ein "guter Mann mit einem guten Herzen" erinnert werden, und seine Bemühungen zur Verhängung wichtiger, aber nicht undurchsetzbarer Sanktionen gegen Ahmadinejads Regime könnten das bestätigen. Diese sind jedoch keine "lähmenden Sanktionen", wie sie nötig oder versprochen waren, und es ist noch immer ein Mysterium, ob er einen atomaren Iran als existentielle Bedrohung für irgendjemanden betrachtet, ausser vielleicht für Israel. Ein angenehmes Setting für seine Gleichgültigkeit. Er wird diese Anlagen nicht bombardieren, noch nicht einmal eine von ihnen. Israels Sicherheit liegt in seinen eigenen Händen. Daher wird - womöglich mehr denn je zuvor - Netanyahus übergreifende Mission in der Sicherstellung bestehen, dass das Schicksal von Israels sechs Millionen Juden sich von dem derjenigen unterscheiden wird, die in den finstersten Tagen der Menschheit in Europa lebten. Wir alle sollten gegenüber der heuchlerischen Empörung über Israels angemessene Aktionen gleichgültig bleiben. (Yedioth Ahronoth, 16.06.10) |