Merkwürdiges |
"An diesem Krieg tragen die 'Protokolle' die Schuld", von Hadassa Ben-Itto*
Wäre ich zu solch einer Kommission hinzugezogen, würde ich eine Versäumnis bezeugen, das seit vielen Jahren besteht, das tabu ist und nicht diskutiert wird, das jedoch für diesen Krieg von Bedeutung ist. In der Tat, wir sind während der Wache eingeschlafen, weil wir darin versagten, gegen eine weitere tödliche Waffe eine wirkungsvolle Strategie zu entwickeln. Eine Waffe, die genauso gefährlich wie Raketen und Flugkörper ist: Wir fragen uns immer wieder, wie die gesamte islamische Welt gegen uns aufgehetzt wurde, sowohl ihre Führer als auch die Menschen auf der Strasse, selbst diejenigen, die nicht in den palästinensischen Konflikt verwickelt sind und wenig Sorge um das Schicksal der Palästinenser tragen. Warum laufen die Massen auf die Strassen und fordern unsere Zerstörung? Ist es ein Ruf zu den Waffen, um die arabische Ehre zu verteidigen? Und warum schliessen sich Menschenrechtsbewegungen, deren vorgeschriebene Agenda keinen Kampf gegen das jüdische Volk und den Staat Israel beinhaltet, diesen Massen an? Ein ranghoher amerikanischer Diplomat sagte mir einmal: "Ich kann nicht glauben, dass dies dem jüdischen Volk erneut geschieht. Ihr habt eure Lektion nicht gelernt. Hättet ihr ‚Mein Kampf’ genau gelesen, hättet ihr gewusst, was ihr zu erwarten habt. Die Schrift an der Wand ist erneut zu lesen, doch ihr schaut weg. Kriege beginnen nicht auf dem Schlachtfeld. Lest den UNESCO-Vertrag, der erklärt: ‚Kriege beginnen in den Köpfen der Menschen’." Seit hundert Jahren ist die Welt einer gefährlichen Lüge ausgesetzt, die uns beschuldigt, am Untergang der Menschheit Schuld zu sein, die behauptet, dass allein unsere Existenz den Weltfrieden bedroht. Dies ist die berühmte "jüdische Verschwörung", deren Ziel angeblich die Herrschaft über die Welt ist. Sie ist detailliert in den "Protokollen der Weisen von Zion" dargestellt. Und diese "Protokolle" wurden in vielen Sprachen in millionenfacher Auflage herausgegeben. Wir haben sie nicht gelesen, und wir haben uns auch nicht die Mühe gemacht, sie ins Hebräische zu übersetzen. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir uns nicht die Mühe gemacht, die methodische Vergiftung des Verstandes von Milliarden Muslimen rund um die Erde nachzuspüren, denen gesagt wird, Juden stellten eine existenzielle Gefahr dar. Die Fakten sind offensichtlich, nachzulesen in Zeitungen, Studien und Statistiken. Wir haben sie alle gesehen, jedoch nichts unternommen. Wir wurden es leid, uns mit Israel-Hassern abzugeben, gaben es auf, den Märchen zu widersprechen. Wir wurden selbstzufrieden, haben die Gefahr nicht anerkannt und haben darin versagt, nach Möglichkeiten zu suchen, mit dieser Gefahr umzugehen. Es ist nur durch eine methodische, langjährige Propagandakampagne möglich, ganze Nationen und Milliarden von Menschen für einen Kampf zu rekrutieren, der die Zerstörung Israels und der Juden zum Ziel hat. Nun hat die muslimische Welt, die die Nazi-Fackel aufgenommen hat, sich diese Sache zueigen gemacht und sich selbst das Ziel gesetzt, unsere Nation und unser Volk zu zerstören. Und sie sagt es frei heraus, in öffentlichen Reden des Präsidenten eines Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, in Verfassungen wie der Charta der Hamas, in Predigten, die in Moscheen gehalten werden. Der Wortlaut der "Protokolle" ändert sich nicht, doch jede der zig tausend weiteren Ausgaben wird von einem neuen Vorwort begleitet, das erklärt, wie der jüdische Plan hier und jetzt in Aktion tritt. Neue Vorworte wurden als Reaktion auf den 11. September, den Krieg im Irak und zahllose andere Ereignisse entworfen, die zum Anlass genommen werden, um die Juden zu beschuldigen. Die arabischen Ausgaben, ob sie nun im Iran, in Syrien oder Ägypten gedruckt wurden, werden auch an muslimische Gemeinden in der westlichen Welt verteilt. Sie liegen bei Buchmessen aus und werden zu reduzierten Preisen in Geschäften verkauft. Während der vergangenen Jahre haben Länder wie Ägypten, Syrien oder Katar Fernsehserien produziert, die auf den "Protokollen" basieren. Während des Ramadan, wenn Familien zusammenkommen, um das Fasten zu brechen, werden sie überall in der arabischen Welt ausgestrahlt. Viele beliebte Seifenopern, die Menschen jeglichen Alters zur Zielgruppe haben, perpetuieren die Behauptung, dass es eine kriminelle jüdische Verschwörung gibt, die die Welt beherrschen möchte. Die muslimische Welt glaubt an dieses Märchen, obwohl es einige Intellektuelle gibt, die halbherzig zugeben, dass die "Protokolle" eine Fälschung waren. Erst kürzlich traf ich einen amerikanischen Arzt libanesisch-christlichen Ursprungs in einem Krankenhaus in den Vereinigten Staaten. Als ich ihn fragte, ob ihm die "Protokolle" vertraut sind, sagte er, er habe das Buch zu Hause, kenne es gut und glaube in der Tat daran. Es ist Teil unserer Kultur, sagte er in perfektem Englisch mit amerikanischem Akzent und ernstem Gesicht. Die arabischen Ausgaben beinhalten völlig verdrehte, scharfe, verleumdende Vorworte, die die gesamte Geschichte der Welt als ein Zeichen des jüdischen teuflischen Plans darstellen. Diese Vorworte werden von schrecklichen Karikaturen begleitet (die anscheinend erlaubt sind, solange sie sich nicht über Muslime lustig machen). An solcherlei Ausgaben mangelt es auch im Westen nicht, doch hier werden sie auch als Ausgaben verkauft, die ein gebildetes Publikum anvisieren. Zu diesen Versionen gehört auch eine Ausgabe, die im Jahr 2004 in den USA gedruckt wurde und in respektablen Buchläden verkauft wird. Vor mir liegt ein solches Buch. Es beinhaltet nicht nur die originalen "Protokolle" sondern auch viele Dokumente, die die Verschwörungsgeschichte beweisen sollen. Das Buch behandelt das, was als "jüdisches Problem" bekannt ist, in detaillierter Form und gibt dem Thema, dass Juden weise, intelligent, Nobelpreisträger, ein auserwähltes Volk und deshalb so gefährlich für die Welt sind, viel Raum. Das Buch behandelt sogar das Thema der Fälschung. Die "London Times", die im Jahr 1921 als erste Zeitung die Fälschung aufdeckte, wird als Teil der jüdischen Verschwörung bezeichnet. Andere, die die Fälschung aufgedeckt haben, wie z. B. eine russische Prinzessin und ein französischer Theologe, werden als bereits verurteilte Schwerverbrecher dargestellt. Den Geheimdiensten des jüdischen Volkes, die Warnungen vor Antisemitismus genau verfolgen, kann nicht die Schuld für die Sachlage gegeben werden. Und es gibt in Folge der Publikationen in arabischen Ländern Fakultäten und Forschungsinstitute, Tagungen und Veröffentlichungen und selbst Internetseiten, die sich mit dem Thema beschäftigen. Doch mit Ausnahme einiger weniger entschlossener Verfechter gibt es kein wirkliches Bewusstsein für diese Gefahr. Es gibt keinen strategischen Plan, um mit ihr umzugehen. Die politische Korrektheit, die den öffentlichen Diskurs heutzutage anführt, verbietet es, irgendetwas gegen Nicht-Juden zu sagen, selbst wenn diese Dinge wahr sind. ‚Es sind nicht alle Muslime’, ‚es ist nicht der Koran’, müssen Radio- und Fernsehsprecher jedes Mal betonen, wenn sie die Welt über einen weiteren Terroranschlag, der von Muslimen ausgeführt wurde, informieren. Wenn ähnliche "Protokolle" über Muslime oder über irgendeine andere Minderheit oder Rasse veröffentlicht werden würden, würden die Strassen in Flammen stehen, wie es wegen einiger schlechter Karikaturen in dänischen Zeitungen geschah. Als der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad öffentlich seine Absicht äusserte, uns zu zerstören, fragten wir uns nicht, warum er gemeinsam mit Raketen und Atomwaffen auch den Druck und die Verbreitung der "Protokolle der Weisen von Zion" anordnete. Seine Abgesandten besassen die Unverfrorenheit, während der Frankfurter Buchmesse am iranischen Stand eine englische Übersetzung der "Protokolle" auszulegen. Und die jüdische Welt schweigt – hundert Jahre lang schwieg sie, und auch jetzt. Juden zünden keine Botschaften an, wir senden keine aufgehetzten Massen auf die Strassen, doch dies bedeutet keine Entschuldigung dafür, nicht nach Alternativen für den Protest zu suchen. Und es gibt Alternativen. Die Verschwörung gegen das jüdische Volk, - die Verbreitung eines bösen Märchens als Vorbereitung für eine weitere Judenvernichtung -, muss grundlegend entlarvt werden. Man muss die Vertreiber dieser Lügen als Angeklagte in Strafprozessen vor die Gerichte der Welt stellen, denn heutzutage haben die meisten Länder Gesetze, die die Verhetzung religiöser, nationaler oder ethnischer Gruppen verbieten. Wir müssen uns in einem juristischen, politischen, öffentlichen und medialen Kampf engagieren und eine klare, verständliche Stimme erheben: Genug, hört auf, uns zu verleumden! *Die Autorin ist pensionierte Richterin und Autorin des Buches "The Lie that Wouldn’t Die: The Protocols of the Elders of Zion." Das Buch ist auf Deutsch unter dem Titel "Die Protokolle der Weisen von Zion. Anatomie einer Fälschung" im Aufbau-Verlag erschienen. (Hadassa Ben-Itto, Ha'aretz, 22.08.06) |