Merkwürdiges |
Leben und leben lassen Von Avi Rath Unsere Nerven liegen blank. Die Anderen, verlangen wir, sollen draussen bleiben und sich raushalten. Frauen sagen: Haltet euch bei unserem Uterus heraus; die Rabbis legen fest: Bleibt draussen, wenn Frauen singen. Die Ultraorthodoxen rufen: Bleibt draussen aus unserem Viertel. Und die Säkularen fordern: Haltet euch aus unserem Leben heraus. Und Ashkenasim und Sephardim, Siedler und Linke, Magnaten und soziale Aktivisten wurden hier noch gar nicht erwähnt. Auch im Bereich der Thora-Lehre gibt es grosse Spannungen. Jeder noch so kleine Kommentar zieht leidenschaftliche Reaktionen nach sich. Jeder Gedanke, der ein wenig anders ist, wird als Blasphemie angesehen, jeder Wunsch danach, etwas zu ändern, wird gleich zur Reform, und jede Bestrebung nach ein bisschen mehr Komplexität wird als unjüdisch gebrandmarkt.
Religiöse Spannungen sind, innerhalb des grösseren Kreises israelischer Spannungen im Allgemeinen, das letzte, was wir jetzt brauchen. Die israelische Öffentlichkeit spricht so oft von Toleranz, doch in der Realität kann sie andere nicht tolerieren. Wir sprechen häufig von Liebe, doch in der Realität produzieren wir Hass. Es ist genug, den Stil der zahlreichen Talkbacks im Internet zu sehen, um zu verstehen, wie viel Boshaftigkeit, Kleinlichkeit und Hass unter der Oberfläche und in unseren Tastaturen schlummern.
In der modernen Welt, wo der Slogan "Leben und leben lassen" für viele Lebensmotto ist, versucht das Individuum seinen Platz und seine Freiheit zu finden und Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Es will, dass wir uns aus seinem Leben raushalten. Man kann darüber streiten, ob dieser Slogan moralisch ist, doch eines ist sicher: es ist die Lebensbedingung, nach der sich die meisten Menschen sehnen, und wir sollten das respektieren. Ich fühle, dass die Haut der Israelis immer dünner wird. Obwohl es einen danach drängt anzugreifen, leidenschaftlichen Eifer zu zeigen und zu beweisen, dass die anderen im Unrecht sind, müssen unsere Meinungsmacher, Politiker und Anführer mehr soziale, spirituelle und pädagogische Verantwortung zeigen. Anstelle, immer danach zu sehen, wer draussen bleiben soll, sollte ihr Ziel sein, Menschen zu integrieren. Anstelle von Radikalisierung sollten sie nach Kompromissen suchen, und anstelle von wachsender Strenge sollten sie nach Minderung trachten. Die echte Weisheit ist es, wie immer, nicht nur Recht zu haben, sondern auch schlau zu sein. Dies ist eine notwendige Mission, und Ausnahmen sind nicht möglich. In diesem Krieg gibt es nicht die Guten und die Schlechten. Es gibt nur kurzfristige Gewinner und langfristige Verlierer. (Yedioth Ahronoth, 02.12.11) |