Mit zusammengebissenen Zähnen
Von Amos Oz
Die Trennung zwischen dem Gaza-Streifen unter der Hamas und dem Westjordanland unter dem gemässigten Lager stellt eine historische Gelegenheit dafür da, einen Frieden zwischen Israel und dem Kabinett von Mahmoud Abbas zu erreichen. Die Kabinette Olmerts und Abbas’ akzeptieren gleichermassen das Prinzip der zwei Staaten für zwei Völker, die Idee von Land für Frieden und den Ansatz, der das Ende der israelischen Besatzung befürwortet. Es gibt noch immer umstrittene Fragen, aber keine davon sorgt für einen Abgrund zwischen beiden Seiten. Intensive Verhandlungen würden aller Wahrscheinlichkeit nach die Unterschiede überbrücken und zum Entwurf eines Abkommens führen.
Und was ist mit Gaza, das in die Hände der Hamas gefallen ist, eben jenes Gaza, das vom Iran beeinflusst und von der Hisbollah inspiriert wird? Es besteht Grund zu der Hoffnung, dass eine Volksbewegung in Gaza gegen die tyrannische und die fanatisch-religiöse Herrschaft der Hamas aufstehen wird, sobald es einen unabhängigen palästinensischen Staat im Westjordanland gibt. Die Massen Gazas werden die historische Errungenschaft der Bewohner des Westjordanlands nicht ignorieren können und den Kampf aufnehmen, um sich vom Joch der Hamas zu befreien und dem palästinensischen Staat beizutreten.
Sowohl Olmerts als auch Abbas’ Kabinette zeigen derzeit positive Signale eines Austauschs. Israel hat eine Reihe von Gesten des guten Willens vollzogen: die Freilassung der palästinensischen Flüchtlinge, die Zustimmung zur Ausstattung der Sicherheitskräfte Abbas’ mit modernen Waffen und ein Abkommen, nach dem die Jagd auf gesuchte Personen aus- und zusätzliche Erleichterungen durchgesetzt werden. Die Palästinenser bemühen sich ihrerseits ernsthaft, die drohende Anarchie im Westjordanland in den Griff zu bekommen, Milizen zu entwaffnen und Anschläge auf Israelis zu verhindern.
Das Manifest des palästinensischen Kabinetts hat endlich die Klausel gestrichen, die den bewaffneten Kampf fordert; an ihrer Stelle wird ein durch Verhandlungen mit Israel zu erreichendes Abkommen diskutiert. Anstelle der Forderung nach dem "Recht auf Rückkehr", das die Zerstörung Israels bedeutet, haben die Palästinenser eine Klausel mit dem Titel "eine gerechte und vereinbarte Lösung des Flüchtlingsproblems" hinzugefügt. Die wichtige Rede von Ministerpräsident Olmert in Sharm el-Sheik, in der er erstmals Verständnis und sogar Empathie für das Leiden der palästinensischen Flüchtlinge zum Ausdruck gebracht hat, zeugt davon, dass auch Israel an einer "gerechten und vereinbarten" Lösung des palästinensischen Problems interessiert ist.
Israels Gesten werden letztendlich nicht viel mehr wert sein als Almosen für die Armen, wenn ihnen nicht energische Gespräche folgen, die eine Lösung der verbliebenen Probleme suchen und auf die Schaffung eines palästinensischen Staates im Westjordanland abzielen. Daher muss der nächste Schritt in israelisch-palästinensischen Verhandlungen über die Kernpunkte des Konflikts bestehen: Jerusalem, feste Grenzen, die Zukunft der Siedlungen, die Flüchtlinge von 1948 und die heiligen Stätten. All diese Punkte hatten schon potentielle Lösungen: die Clinton-Formel, die Taba-Formel und die Genfer Formel.
Sind die Regierungen von Olmert und Abbas stark genug, um ihr Volk von der Annahme eines Abkommens zu überzeugen, das von beiden Seiten schmerzliche Zugeständnisse fordern würde? Es gibt gute Nachrichten für sie: wenn sie beide wirklich den Mut aufbringen und ein Abkommen entwerfen, und es zu einem Referendum darüber in Israel und den palästinensischen Gebieten kommt, würden sich beide Völker gewiss zu einer Kompromisslösung bereit finden.
Würden die Israelis und die Palästinenser glücklich über dieses Abkommen sein? Würden sie in den Strassen tanzen, wenn es letztendlich gesichert ist? Wohl kaum. Beide Völker – und dies ist die gute Nachricht angesichts der harten Realität – wissen indes bereits, was die Quintessenz ist. Und sie sind bereit, sie auf dem Wege eines Referendums zu akzeptieren – wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen.
(Yedioth Ahronoth, 31.07.07)
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