Nachrichten-Extra 12. - 18. November 2006 |
Rede von Premierminister Olmert in Los Angeles am 14. November 2006 Rede von Premierminister Ehud Olmert bei der Generalversammlung der Vereinigten jüdischen Gemeinschaften in Los Angeles am 14. November 2006 (Auszüge): |
Botschafter Shimon Stein: "Einseitiger Rückzug aus Gaza hat nichts gebracht"
Botschafter Shimon Stein richtet sich nach dem Militäreinsatz im Libanon auf weitere Kämpfe in der Region ein – "Einseitiger Rückzug aus Gaza hat nichts gebracht" Stuttgarter Zeitung, 15. November 2006 Botschafter Shimon Stein drückt im Interview mit Peter Christ, Knut Krohn und Adrian Zielcke die Dankbarkeit für die deutsche Hilfe aus. Allerdings mahnt er die Deutschen auch zur Wachsamkeit. Herr Botschafter Stein, Israel agierte in der jüngsten Vergangenheit nicht glücklich. Alle wichtigen militärischen Aktionen waren im Grunde Fehlschläge: der einseitige Gaza-Abzug und der Feldzug im Libanon. Das mag Ihre Einschätzung sein, ich teile sie nicht. Die israelische Regierung musste auf die Eingriffe reagieren. Hinter dem einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen stand die Hoffnung, dass der tägliche Beschuss Israels durch Qassamraketen aus dem Gazastreifen endlich aufhören würde. Doch in diesem Fall sind wir enttäuscht worden. Dennoch wollte unser Premier Ehud Olmert den eingeschlagenen Weg fortsetzen und auch Siedlungen im Westjordanland räumen. Doch dann kam der Krieg im Libanon dazwischen. Auch aus dem Libanon hatte sich Israel einseitig zurückgezogen. Ebenfalls in der Hoffnung, den Konflikt zu entschärfen. Das stimmt, die Vorgeschichte ist ähnlich. Auch mit diesem Rückzug im Mai 2000 sollte sich die Lage im Norden Israels etwas normalisieren. Auch das war eine Illusion. Seit sechs Jahren sind wir ständig mit Angriffen der Hisbollah konfrontiert. Das hat die Israeli zur Erkenntnis geführt, dass die Politik des einseitigen Rückzugs nichts gebracht hat. Man kann sagen, dass diese Politik eingestellt wurde – vorläufig zumindest. Ich glaube, dass wir uns den Luxus nicht mehr leisten können, uns zurückzuziehen und dann einfach abzuwarten, was passiert. Was heisst das konkret? Das kann man jetzt noch nicht sagen. Aber wir werden weitere Wege suchen, dass die Menschen in Israel in Frieden und Sicherheit leben können und dass der jüdische und demokratische Charakter des Staates aufrechterhalten wird. Aber können Sie umreissen, welche Lehren Israel aus dem blutigen Krieg im Libanon gezogen hat? Der Ablauf dieser kriegerischen Auseinandersetzung wird sehr intensiv untersucht. Das hat auch damit zu tun, dass in der israelischen Bevölkerung grosser Unmut über die politische und militärische Führung herrscht. Und ich gehe davon aus, dass die Untersuchungskommissionen schnell zu ihren Ergebnissen kommen werden. Zum Teil sehen wir das schon innerhalb der israelischen Streitkräfte. Einige hochrangige Offiziere mussten zurücktreten. Man muss abwarten, ob der Bericht, der sich mit den Aktionen der Regierung befasst, auch persönliche Konsequenzen für den einen oder anderen Politiker haben wird. Untersucht wird etwa, weshalb es Israel zugelassen hat, dass die Hisbollah nach dem Rückzug Israels aus dem Libanon ein so grosses militärisches Potenzial aufbauen konnte. Fakt ist: wir müssen alles sehr gründlich untersuchen, weil wir es nicht ausschliessen können, dass das nicht die letzte Runde war. Sie glauben, dass es bald zu weiteren militärischen Auseinandersetzungen in der Region kommen wird? Ich glaube, dass die Hisbollah weiter eine Strategie verfolgt, die alles andere als stabilisierend wirkt. Sehen Sie: der Krieg im Libanon war der erste Krieg, der nicht zwischen Israel und der arabischen Welt geführt worden ist. Das war ein Krieg zwischen Israel und den Stellvertretern des Iran, denn die Hisbollah ist ein Instrument für die expansionistische Politik Teherans. Und dieser Krieg war wahrscheinlich aus der Sicht Teherans nur die erste Runde. Aus diesem Grund sind auch die gemässigten sunnitischen Staaten in der Region überaus beunruhigt: Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien, Marokko. Die Auswirkungen dieser Art eines Stellvertreterkrieges auf die Region sind noch nicht abzusehen. Das ist – gelinde ausgedrückt – eine ernüchternde Aussicht. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem wir deutsche Soldaten in den Nahen Osten geschickt haben, um den Waffenstillstand zu sichern und dem Frieden in der Region auf die Beine zu helfen. Es ist an Deutschland zu entscheiden, wie aktiv man im Ausland sein will. Aber Tatsache ist, dass Berlin heute wesentlich mehr Verantwortung in der Welt übernehmen will als noch vor einigen Jahren. Das sind sehr grundsätzliche Fragen, denen sich die deutsche Politik stellen muss. In Deutschland werden diese Einsätze im Ausland sehr heftig diskutiert – besonders der aktuelle Einsatz im Nahen Osten. Das ist nicht verwunderlich. Deutschland ist zum ersten Mal im Nahen Osten aktiv. Das hat die Bundesregierung damit begründet, dass man einen Beitrag zur Stabilisierung der Lage im Libanon leisten möchte – und dass auch indirekt die Sicherheit des Staates Israel befördert wird. Die Regierung in Jerusalem hat es sehr begrüsst, dass sich Berlin an der Nahostmission beteiligt. Das hat viele überrascht. Doch kaum sind die deutschen Soldaten vor der Küste des Libanon angekommen, werden sie von israelischen Flugzeugen angegriffen. Es kam zu Zwischenfällen, die wir bedauern, aber von Angriffen kann keine Rede sein. Sie müssen eines bedenken: Die Lage im Libanon bleibt für Israel sehr riskant und instabil. Die von den UN verabschiedete Resolution ist noch lange nicht vollständig umgesetzt. Das hiesst, die Hisbollah ist noch immer nicht vollständig entwaffnet. Dann sind die beiden israelischen Soldaten noch immer nicht frei. Und – das ist ein sehr wichtiges Thema – es werden ständig Waffen in den Libanon geschmuggelt. Ich glaube, wenn diese drei Punkte erfüllt werden, dann wird es keinen Anlass für Israel geben, weiter diese Flüge über dem Libanon durchzuführen. Denn die Flüge haben den einzigen Zweck, uns Informationen über Aktionen zu geben, die uns gefährden könnten. Den Zwischenfall zwischen uns und der Bundesmarine haben wir während des Besuches des deutschen Verteidigungsministers Jung in Israel besprochen, und ich hoffe, dass sich solche Zwischenfälle in Zukunft nicht wiederholen werden. Der Einsatz der deutschen Soldaten im Nahen Osten kann als ein sehr deutliches Zeichen verstanden werden, dass das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland in bestimmten Bereichen zu einer gewissen "Normalität" gefunden hat. Gilt das auch für das Leben der Juden in Deutschland? Ich bin nun schon fast sechs Jahre als Botschafter in Berlin, und meine Beobachtung ist, dass es tatsächlich zum Alltag in Deutschland gehört, dass jüdisches Leben weiter Fuss fasst. Dazu gehört aber auch die Hoffnung, dass Juden in der Lage sein werden, in diesem Land ihr Leben und ihre Identität zu wahren, ohne ständig in der Gefahr leben zu müssen, von Rechtsextremisten angegriffen zu werden. Sie meinen damit sicher das Erstarken rechtsextremer Parteien vor allem in Ostdeutschland? Der Wahlausgang in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die Anwesenheit der DVU in Brandenburg – auch das gehört zum Alltag in Deutschland. Das sage ich mit sehr grossem Bedauern. Mit den Beziehungen zwischen Israel und Deutschland haben diese Vorgänge natürlich nur zum Teil zu tun. Aber die Juden, die hier leben, müssen ein normales Leben führen können. Sind Sie entsetzt, dass Rechtsradikale es inzwischen wagen, in der "Reichshauptstadt Berlin" einen viel beachteten Aufmarsch durchzuführen? Nicht ich muss entsetzt sein, die Deutschen müssen entsetzt sein. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen in Deutschland das akzeptieren und einfach zur Tagesordnung übergehen wollen. Das ist eine Frage, die nicht an einen Aussenstehenden gestellt werden kann. Ich kann nur nach Hause berichten über das, was ich sehe und höre. Aber Sie hier sind die Bürger dieses Landes. Und die Frage ist, ob Sie als Bürger dieses Landes entsetzt sind. Und Sie müssen sich fragen, was Sie tun, um diesem Phänomen entgegenzutreten und es schliesslich im Keim zu ersticken. |